Nur ein Traum

Wortlos öffnete sie die Tür und lief hinaus in den Regen. Er hielt sie nicht auf, obwohl er wußte, daß es diesmal kein zurück gab. Ein Traum war zu Ende. Jetzt, da er so plötzlich aus diesem Traum erwacht war, wußte er noch nicht einmal etwas zu sagen. Nina hatte an diesem morgen plötzlich begonnen, ihre Koffer zu packen. Als er sie fragte, was sie vorhabe, antwortete sie nur, daß sie jetzt endgültig wisse, daß sie nicht zueinander paßten. Sie hätte es von Anfang an wissen müssen. Alles sei nur ein Traum gewesen, und aus jedem Traum müsse man nun mal irgendwann erwachen. Kein Wort des Bedauerns kam über ihre Lippen. Sean war nicht einmal in der Lage, ihr etwas zu entgegnen. Sie ergriff ihr Lieblings-Halstuch, das auf dem Küchentisch lag und schaute ihn ein letztes Mal an, jedoch ohne etwas zu sagen. In diesem Moment aber schien Sean Wehmut in ihren Augen zu erblicken.

Ein tiefer Schmerz berührte sein Herz, und er wollte nun doch etwas zu ihr sagen. Doch Nina schritt, ohne zurückzuschauen, aus der Küche. Wenige Augenblicke später hatte sie das Haus verlassen und war davongefahren. Das letzte, was Sean sah, waren die Rücklichter ihres Wagens, die im grauen Morgennebel Connemaras versanken. Minutenlang noch stand er wie versteinert am Eingang, ehe er wieder in der Lage war, sich zu rühren.

Sie kannten sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit über einem Jahr. Sean war damals als Programmierer in einem Softwareunternehmen eingestellt worden. Nina war die Betriebspsychologin. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach nur zwei Monaten bezogen sie eine eigene Wohnung. Doch mit der Zeit gab es Differenzen. Sean war ein sehr genauer, ordentlicher Mensch, was Nina regelmäßig zur Verzweiflung brachte. Er plante alles ganz genau, sie entschied aus dem Bauch heraus. Er liebte die Ordnung, sie das Chaos. Bald merkten beide, daß sie keine Zukunft hatten, und an jenem naßkalten Freitag Morgen geschah das Unvermeidliche.

Endlich, Sean wußte nicht, wieviel Zeit inzwischen vergangen war, gelang es ihm, sich aus seiner Erstarrung zu lösen. Er kehrte zurück in die Wohnung. Da ihn mit einem mal eine unbeschreibliche Müdigkeit befallen hatte, legte er sich wieder hin. Bald fiel er in einen unruhigen Schlaf. Plötzlich klingelte das Telefon. Als er abhob, war er überrascht, Ninas Stimme zu hören.

„Sean, Hier ist Nina. Ich möchte Dich noch einmal sprechen und dir alles erklären. Wir treffen uns in einer halben Stunde unten am Strand, beim verlassenen Fischerhaus.“

Sean wollte gerade ansetzen, ihr etwas zu entgegnen, als sie bereits aufgelegt hatte. Er blickte auf die Uhr. Es war genau elf. In einer halben Stunde hatte sie gesagt, also um elf Uhr dreißig. Was sie ihm wohl sagen wollte? Als Sean noch einmal über ihre Worte nachdachte, fiel ihm auf, daß ihre Stimme irgendwie anders geklungen hatte als sonst, aber er konnte nicht sagen, auf welche Weise, und daher machte er sich auch nicht die Mühe, weiter darüber nachzudenken. Statt dessen zog er sich rasch den Mantel über und ging den Weg hinunter zum Meer. Die Strecke zum Strand würde er problemlos in weit weniger als einer halben Stunde schaffen. Bei diesem Spaziergang schossen ihm unendlich viele Gedanken durch den Kopf. Was würde Nina ihm sagen? Hatte sie sich doch noch einmal besonnen? Oder war dies nur eine letzte Klärung der Dinge vor dem endgültigen Abschied? Ihm fröstelte, und er war sich nicht sicher, ob dies vom immer dichter werdenden Nebel kam oder von dem Gedanken, Nina vielleicht für immer zu verlieren. Zitternd zog er den Kragen seines Mantels hoch und setzte eilig seinen Weg fort.

Sean war tatsächlich zehn Minuten zu früh beim verlassenen Fischerhaus angekommen. Er wunderte sich, warum Nina gerade diesen Ort für eine Aussprache gewählt hatte. Er wußte, daß sie eine große Ehrfurcht vor dem alten Gemäuer hatte. Es stammte aus der Zeit der Kelten, und viele Legenden rankten sich darum. Einige alte Dorfbewohner behaupteten steif und fest, daß es dort spuke. Nina war anfällig für Geschichten dieser Art, und so traute sie sich nicht einmal am hellichten Tag, alleine hierher zu kommen. Sean, der für solche Dinge nichts übrig hatte, hatte sich schon oft deswegen über sie lustig gemacht. Schon aus diesem Grunde konnte er nicht verstehen, daß sie ihn gebeten hatte, zum alten Fischerhaus zu kommen. Nachdem Sean die paar Schritte vom Fußweg zum Fischerhaus zurückgelegt hatte, setzte er sich auf eine Bank, die dort aufgestellt war, und begann zu warten. Das Wetter war schlecht. Der Nebel, der in dieser Gegend nichts ungewöhnliches ist, hatte sich heute nicht aufgelöst, und es begann schon leicht zu nieseln. Sean blickte auf das Meer hinaus, das sich nur schemenhaft durch die Nebelschwaden abzeichnete. Etwas faszinierendes hat diese Stelle ja doch, vor allem bei diesem Wetter, dachte er. Er spürte, wie er immer mehr in die Nebellandschaft eintauchte, ja, wie sie ihn regelrecht in sich aufsog. Er konnte sich nicht erklären, was mit ihm geschah, doch zu seinem großen Erstaunen genoß er es. Er fröstelte nicht mehr. Es war, als ob sich Traum und Wirklichkeit vermischten. Plötzlich schreckte er auf, weil er eine Stimme neben sich vernahm.

„Hallo Sean! Schön, daß du gekommen bist.“

Er wandte den Kopf und sah zu seiner Überraschung, daß zu seiner Linken Nina Platz genommen hatte. Er hatte sie noch nicht einmal kommen hören, so sehr war er von der Landschaft fasziniert. Sie lächelte ihn an. Irgend etwas stimmt nicht mit ihr, dachte Sean. Sie schien ihm vertraut und fremd zugleich. Doch wußte er nicht genau zu sagen, was ihn an ihr so sehr irritierte. War es der Nebel, der ihn immer noch in seinem Bann hatte? War es etwas an ihrer Erscheinung oder etwas in ihrer Stimme oder gar beides? Sean konnte sich keinen Reim darauf machen.

„Du fragst dich sicher, was der Grund dieses Treffens ist. Sean, ich habe dich hierher gebeten, um dir Lebewohl zu sagen. Ich werde Connemara verlassen, ja ich werde Irland verlassen.“

„Aber Nina! Was hast du vor? Werde ich dich wiedersehen?“

„Ich werde weit weggehen. Doch glaube mir, es wird eine Zeit kommen, da werden wir uns wiedersehen.“

„Wann? Ich werde dich besuchen, das verspreche ich dir. Ich will nicht, daß wir uns vollkommen aus den Augen verlieren!“

„Wann das sein wird, kann ich dir nicht sagen, aber eines Tages wird es soweit sein. Die Zeit mit dir war schön, auch wenn wir uns eingestehen mußten, daß wir nicht zueinander passen. Nimm das hier, um diese schöne Zeit immer in Erinnerung zu halten.“

Sie nahm ihr Lieblings-Halstuch, das sie umgebunden hatte, ab und gab es ihm.

Sean schlug die Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus.

„Warum?! Warum gibst du uns keine Chance mehr?“

Er hob den Kopf, um Nina ins Gesicht zu sehen und ihr zu sagen, daß er sie immer noch liebte. Doch sie war nicht mehr da. Genauso lautlos, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden. Eine tiefe Traurigkeit befiel ihn, und er begann erneut zu weinen. So saß er noch einige Zeit auf der Bank, ehe er sich aufraffen konnte, nach Hause zurückzukehren. Gerade in diesem Moment geschah etwas, was Sean noch einmal den Zauber dieses geheimnisvollen Ortes spüren ließ. Die Sonne erkämpfte sich einen Weg durch die Wolken und brach sich in den kalten Nebelschwaden. Sonnenstrahlen fielen herab auf das Meer und auf ihn, und es erschien ihm, als wollten sie ihn gen Himmel ziehen. Noch einmal brach er in Tränen aus und ließ seinem Schmerz freien Lauf. Bald jedoch gab er sich einen Ruck und machte sich auf den Weg nach Hause. Das Laufen machte ihm große Mühe, er fühlte sich benommen. Überhaupt empfand er alles, was seit Ninas Anruf geschehen war, wie einen Traum.

Als Sean nach Hause zurückgekehrt war, legte er sich sofort wieder hin, in der Hoffnung, im Schlaf etwas Ruhe zu finden, und schlief auch bald darauf ein. Geweckt wurde er durch das schrille Klingeln der Haustürglocke. Er blickte auf seine Uhr, es war drei Uhr nachmittags. Er öffnete und sah sich zwei ernst aussehenden Polizisten gegenüber.

„Mr O’Leiry? Wir müssen ihnen eine sehr traurige Nachricht überbringen. Ihre Freundin, Miss Nina Hogan, ist heute morgen gegen neun Uhr dreißig mit ihrem Wagen von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Sie konnte zwar noch ins Krankenhaus gebracht werden, wo sie aber um zehn Uhr verstarb. Sie hat uns kurz, bevor sie endgültig das Bewußtsein verlor, gebeten, sie zu benachrichtigen. Wir möchten Ihnen unser tiefstes Mitgefühl aussprechen.“

Ein unbeschreiblicher Sturm brach in diesem Moment in Seans Kopf los. Alle Ereignisse dieses Tages stürzten in seinen Gedanken mit einem mal auf ihn ein. Er schloß die Tür hinter sich und ließ sich in der Küche auf einen Stuhl fallen. Nach einigen Minuten begann er, sich zu beruhigen. Er ließ sich alles, was geschehen war, noch einmal in aller Ruhe durch den Kopf gehen, und je länger er über diesen Tag nachdachte, desto unwirklicher erschien er ihm, wie ein Traum. Sein rationaler Verstand begann nun zu walten, und dieser ließ keinen anderen Schluß zu. Geistesabwesend begann er, ein Halstuch, das neben ihm auf dem Küchentisch lag, durch seine Finger gleiten zu lassen.

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