Eine uralte Geschichte

Der Mond schien. Ein leichter Wind umwehte Philipps Kopf. Ihm war kalt. Doch diese Kälte kam von innen. Philipp wußte nicht, wie er ihr begegnen sollte. Er wußte auch nicht, wie lange er schon durch die verlassenen Straßen Dublins lief. Seine Uhr zeigte kurz nach Mitternacht an. Erschöpft ließ er sich auf eine Bank fallen und vergrub seinen Kopf in beide Hände. Warum hatte sie ihm das angetan? Nach all diesen Jahren konnte sie doch nicht einfach so verschwinden. Doch als er heute morgen aufgewacht war, hatte er das Bett neben sich leer vorgefunden. Auf dem Kopfkissen fand er einen Zettel, auf dem stand „Es hat keinen Sinn“. Es hat keinen Sinn… Irgendwo hatte sie sogar recht. Alles das hatte keinen Sinn. Das Studium der Literaturwissenschaften, die vielen Jahre Forschungsarbeit, die Philipp in die Erforschung der Mythologie Irlands gesteckt hatte. Wozu das alles? Er beschäftigte sich eigentlich nur mit den Hirngespinsten irgendwelcher längst verstorbener Leute. Diese Geister-, Zwergen- und Feengeschichten hatten ihn schon immer in seinen Bann gezogen. Doch noch mehr hatte ihn die Überzeugung fasziniert, mit der so viele Iren, vor allem die älteren, die Meinung vertraten, daß an diesen Geschichten mit Sicherheit etwas dran sei. Diesem Etwas war Philipp nun seit fast zehn Jahre nachgelaufen, ohne auch nur einmal zumindest so etwas wie eine Spur von ihm entdeckt zu haben. Nun, da Caren ihn verlassen hatte, erschien ihm dies alles so sinnlos. Durch seine vielen Reisen war seine Ehe zerstört worden, und er verfluchte den Tag, an dem er sich entschlossen hatte, diese Karriere einzuschlagen.

„Was hast du, Fremder?“ Als Philipp die sanfte Stimme neben sich vernahm, erschrak er. Er blickte auf und sah in das Gesicht eines schönen jungen Mädchens. Sie war ganz in weiß gekleidet, und der Mond beleuchtete ihr seltsam blasses Gesicht.

„Du bist traurig, scheint mir. Möchtest du, daß ich dir zuhöre?“ Fragte sie ihn. „Ich weiß nicht so recht. Du bist mir völlig fremd, und ich möchte dich nicht mit meinen privaten Problemen belasten.“

„Du belastest mich nicht. Das Schicksal hat uns zueinander geführt, damit ich dir dein schweres Herz ein bißchen leichter machen möge. Also zögere nicht, und erzähle, was dich bedrückt.“ Der Ausdruck auf íhrem Gesicht schien ihm seltsam fern und unwirklich und dennoch so vertrauenerweckend, daß er zu reden begann.

„Meine Frau hat mich verlassen. Wir sind seit 13 Jahren verheiratet. Seit längerer Zeit gab es Spannungen zwischen uns. Sie warf mir vor, daß ich meinen Beruf zu ernst nehmen würde. Ich bin Literaturwissenschaftler und beschäftige mich mit der Mythologie Irlands. Das führt dazu, daß ich viel im Land herumreisen muß. Caren, meine Frau, hat sich in letzter Zeit immer häufiger darüber beklagt. Doch nie hätte ich gedacht, daß sie einfach so verschwinden würde. Heute morgen nun ist es geschehen. Ich weiß nicht mehr aus noch ein. Ich würde vermutlich vieles anders machen, wenn ich die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte.“

Traurig blickte die junge Frau zu Boden, ehe sie zu antworten begann.

„Hör zu. Ich kann dir wahrscheinlich deine Schmerzen nicht nehmen, doch ich kann versuchen, sie zu lindern, indem ich dir erzähle, daß du nicht allein mit diesem Schicksal auf der Welt bist. Auch ich wurde einst von meinem Gatten verlassen. John und ich, wir heirateten, als ich noch sehr, sehr jung war. Die ersten Jahre war es wie im Paradies. Er las mir jeden Wunsch von den Augen ab. Doch nach und nach verdunkelte sich sein Geist. Er strahlte immer weniger von seiner so ansteckenden Fröhlichkeit aus und kam immer unregelmäßiger nach Hause. Eines Tages verschwand er endgültig. Ich habe ihn bis heute nicht mehr wieder gesehen und weiß nicht, wo er sich aufhält. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, ihn zu finden, und wenn ich ihn bis ans Ende meiner Tage suchen muß. Und so, mein Freund, solltest auch du die Hoffnung nicht aufgeben und versuchen, deine Frau zurückzugewinnen. Ich bin bereit, meinem Mann zu verzeihen. Lerne auch du aus deinen Fehlern, so wird deine Frau vielleicht bereit sein, dir zu vergeben.“

Philipp hatte der jungen Frau aufmerksam zugehört. Als diese geendet hatte, konnte er jedoch nicht mehr anders und brach in Tränen aus. Zu nahe ging ihm dieses Schicksal, und zu sehr erinnerte es ihn an sein eigenes. Er wandte sich von ihr ab, da er nicht wollte, daß sie seine Tränen sah, und weinte. Nach einer Weile, die er wie eine Ewigkeit empfand, gelang es ihm, sich wieder zu fassen, und er wandte sich zu der Frau, um auch ihr ein paar tröstende Worte zu spenden. Doch… sie war verschwunden! Er hatte nicht gehört, wie sie sich entfernt hatte. Neben sich jedoch fand er eine weiße Nelke, die sie zurückgelassen haben mußte. Er nahm sie gedankenverloren an sich und machte sich langsam und unsäglich traurig auf den Heimweg.

In dieser Nacht schlief er sehr unruhig. Mehr als einmal war ihm, als würde er aus dem Halbschlaf heraus in das Antlitz der schönen Fremden sehen, die ihn an diesem Abend so gerührt hatte. Schließlich und endlich aber fiel er doch in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachte er früh. Er mußte sich jedoch beeilen, da er um acht Uhr ein Symposium über klassische irische Spukliteratur besuchen wollte. Ein junger Kollege namens McDowell wollte eine sensationelle Entdeckung bekanntgeben, und dies wollte er sich trotz aller Probleme nicht entgehen lassen.

Als Philipp in der Stadthalle angekommen war, waren die meisten Plätze bereits besetzt. McDowells Entdeckung hatte die Runde gemacht, ohne daß er bis dahin jemals preisgegeben hatte, um was es sich handelte. So fanden sich bei dem Symposium nicht nur Fachleute, sondern auch viele Laien ein.

Philipp fand noch einen Platz in der ersten Reihe. Kaum hatte er sich gesetzt, betrat McDowell schon unter dem tosenden Beifall des Publikums den Raum. Er begann seine Rede.

„Sehr verehrte Kollegen, liebe Gäste!

Ich bin überglücklich, Ihnen heute eine Entdeckung vorstellen zu dürfen, die man ohne Übertreibung als Sensation bezeichnen könnte.

In der Mythologie Irlands spielt die Ermordung der Lady Wintercastle, einer Adligen, die den Erzählungen zufolge im 15. Jahrhundert gelebt hat, eine bedeutende Rolle. Die Sage erzählt, daß sie von ihrem Gatten, dem Grafen John von Wintercastle hinterrücks erstochen wurde. Der Graf von Wintercastle litt zu diesem Zeitpunkt unter starker geistiger Umnachtung. Bisher gab es für diese Legende und vor allem für die Existenz der sagenumwobenen Lady Wintercastle keinen einzigen Beweis. Kein Dokument erwähnte sie, keine Chronik sprach von ihr. Seit Menschengedenken rankt sich jedoch eine Spukgeschichte um das Schloß Wintercastle. Die Lady Emily soll dort oft gesehen worden sein, in ein weißes Gewand gekleidet, mit einer weißen Nelke in der Hand. Doch jetzt habe ich in einem Nebenzimmer von Schloß Wintercastle, das bisher von den Wissenschaftlern kaum beachtet wurde, ein Dokument gefunden. Chemische Analysen zeigten, daß es aus der Zeit stammt, in der sich die Tragödie abgespielt haben soll. In diesem Dokument wird die Bestattung der Lady Wintercastle geschildert. Sie erlauben, daß ich zitiere:

„Es war um die zwölfte Stunde herum. Viele Trauernde hatten sich am eilig ausgehobenen Grab der Emily von Wintercastle an der Westseite des Schlosses versammelt. Der Regen fiel unentwegt auf den schlichten Holzsarg. Der dichte Nebel tat sein übriges, und die Grabesstelle war in ein geradewegs gespenstisches Licht getaucht. Zu allem Überflusse ließ, während der Sarg hinabgelassen wurde, ein leises, fernes Wimmern die Trauernden erschauern, das von so herzzereißender Stärke war, wie sie noch kein Mensch zuvor vernommen hatte. Die Anwesenden begannen zu frösteln. Doch sonst geschah nichts. So wurde das Grab zugeschüttet und mit weißen Nelken verziert…“

Meine Damen und Herren, ich denke, hier haben wir einen eindeutigen Beweis. Dieses Dokument legt nicht nur den Schluß nahe, daß es die Lady Wintercastle tatsächlich gegeben hat. Es bezeugt dies vielmehr. Natürlich werden jetzt viele fragen, wo sich denn das Grab der Lady Wintercastle befindet. Dies ist in der Tat eine offene Frage, aber durch das von mir entdeckte Dokument sollte es Archäologen leicht möglich sein, dieses Grab zu finden. Es muß sich, wenn die Angaben stimmen, an der Westflanke des Schlosses befinden. Meine Damen und Herren, meine archäologischen Freunde, ich fordere Sie auf, suchen Sie danach, und ich bin mir sicher, Sie werden fündig werden. Ein neues Kapitel der Erforschung der Legenden, die sich um Schloß Wintercastle ranken, kann damit beginnen.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit!“

Erneut brach tosender Beifall los. Philipp stimmte darin ein, denn die Geschichte von Wintercastle hatte auch ihn lange in den Bann gezogen, und nun, da die Existenz der Emily Wintercastle erwiesen war, erschien ihm die Erzählung noch spannender. Verträumt spielte er mit einer weißen Nelke, die er im Revers seiner Jacke stecken hatte, und fragte sich, ob er nicht vielleicht auch einmal solch eine Entdeckung machen würde…

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