Ein ganz besonderer Stein

nach Chris de Burghs „In a Country Churchyard“

Dies ist die Geschichte eines ganz besonderen Steins. Ob Du sie glaubst oder nicht, bleibt Dir überlassen, doch mir ist es ein besonderes Bedürfnis, sie Dir zu erzählen, in der Hoffnung, daß Du genauso wie ich darüber staunen kannst. Glaube mir, ich würde Dir wünschen, daß Du es selbst erlebt hättest, und sicher wird meine Erzählung niemals dem gerecht, was geschehen ist, doch kann sie Dir zumindest einen kleinen Einblick in das Wunder gewähren, das mir widerfahren ist.

Es war ein wunderschöner Morgen im Frühling vor vielen, vielen Jahren. Die Sonne schien und verbreitete eine angenehme Wärme. Die Vögel zwitscherten von den Dächern. Blumen blühten und überall roch es nach der neuerwachten Natur. Ein ganz normaler Morgen auf dem Land, wirst Du nun sagen. Dies dachte ich auch. Aber dieser Morgen war etwas besonderes und sollte mein Leben für immer verändern.

Ich war damals im Auftrag von Professor Cunningham unterwegs. Cunningham war Professor für Literatur an der Universität Dublin und ein ausgesprochener Kenner der volkstümlichen irischen Literatur. Er sammelte Geschichten über die Landbevölkerung, ihre Sagen und Mythen wie andere Briefmarken sammeln. Besonders angetan hatte es ihm zu dieser Zeit eine Geschichte, die sich in einem kleinen irischen Dorf zugetragen haben soll. Berichtet wird von einer ländlichen Hochzeit. Diese an sich unspektakuläre Beschreibung reizte Cunningham besonders, weil er sich erhoffte, auf diesem Wege etwas über die Lebensweise der ländlichen Bevölkerung herauszufinden. Doch dazu mußte er einen Nachweis finden, daß sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, wie es der Bericht beschreibt. Und hier kam ich ins Spiel. Ich sollte für Cunningham einen Stein auf einem alten Friedhof suchen, der in dem Bericht erwähnt wurde und der etwas über diese Hochzeit erzählen sollte. Cunningham stand mit seiner Theorie, daß es diesen Stein wirklich gibt, ziemlich allein da und wurde von seinen Kollegen nicht sonderlich ernst genommen. Dennoch lies er sich nicht beirren. An diesem Frühlingsmorgen schickte er mich los, um in dem besagten Dorf nach dem Stein zu suchen. Ich war damals Cunninghams Assistent an der Universität. Obwohl auch ich nicht so recht an die Existenz des Steins glauben wollte, konnte ich es mir schon aus beruflichen Gründen nicht leisten, nicht danach zu suchen. Ich war auf die Gunst des Professors angewiesen, wollte ich beruflich weiterkommen. Also tat ich, wie mir geheißen. Daß dieser Morgen der wunderbarste in meinem ganzen Leben werden würde, konnte ich nicht ahnen.

Hier stand ich nun. Der Friedhof, auf dem ich meine Suche begann, war völlig überwuchert. Von der ehemals wunderschönen Dorfkirche war nur noch eine Ruine übrig geblieben. Efeu umrankte die übriggebliebenen Mauern, und ich mußte aufpassen, daß ich mich nicht in den Ranken verfing, als ich mir meinen Weg durch die verwitterten Grundmauern der alten Dorfkirche bahnte. Doch was war das? Plötzlich meinte ich, weit entfernt einen wunderschönen Gesang wie aus tausend Kehlen zu hören. Doch als ich genauer lauschen wollte, war nichts mehr zu hören. Der Wind, dachte ich, und suchte weiter nach besagtem Stein. Doch da war sie wieder, diese himmlische Melodie, und sie schien mit jedem Schritt, den ich tat, lauter zu werden. Dann plötzlich traf es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich stand vor einem Stein, der etwas abseits der übrigen Grundmauern stand, und wußte, das ist DER Stein. Ich konnte nicht sagen, warum, doch ich war mir noch nie in meinem Leben so sicher. Ich ging in die Knie, um den schon stark verwitterten Text entziffern zu können. In diesem Moment erlebte ich etwas, was ich meinen Lebtag nicht vergessen werde. Vor meinem Auge wandelte sich die Szenerie auf einen Schlag. Ich war nicht mehr auf dem alten, verfallenen Friedhof, sondern stand zwar an selber Stelle, aber doch fühlte ich mich wie an einem anderen Ort. Alles um mich herum schien sich verändert zu haben. Die Kirche war nicht mehr verfallen, sondern erstrahlte in einem unbeschreiblichen Glanz, die Gräber waren nicht mehr überwuchert. Als ich mich umsah, sah ich einen Priester inmitten einer Schar von Leuten. Offensichtlich schienen sie auf etwas zu warten. Ich beobachtete die Szene einige Zeit und fragte mich, was hier wohl vor sich ginge. Und dann kam sie. Von einem Hügel, auf dem sich eine alte Mühle befand, stieg die Braut herab. Sie war wunderschön. Sie trug ein schlichtes, weißes Kleid, und Blumen schmückten ihr langes, dunkles Haar. Als sie sich näherte und auf den Altar zuschritt, gesellte sich ein ebenso schlicht, aber doch elegant gekleideter Mann zu ihr. Als beide vor dem Altar standen, ergriff der Priester seine Bibel und fragte die Braut, ob sie diesen Mann zu ihrem Gatten nehmen und vor Gottes Angesicht lieben und ehren möchte. Und nachdem sie ein leises „Ja“ gehaucht hatte, hörte ich es wieder, doch dieses Mal unendlich viel deutlicher. Die Menschen, die sich offenbar hier versammelt hatten, um ein junges Brautpaar auf dem Weg in die Ehe zu begleiten, sangen ein Lied, wie ich es noch nie zuvor in dieser Schönheit gehört habe. Ich verstand nicht jedes Wort, doch ich spürte, daß es von strahlender, immerwährender Liebe erzählte. Ich war so ergriffen von dem Lied, daß ich Zeit und Raum um mich vergaß. Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand und dem Gesang dieser Leute lauschte – die im übrigen keine Notiz von mir zu nehmen schienen – doch als das Lied verstummte, verblasste auch das Bild dieser uralten Hochzeitsgesellschaft augenblicklich vor meinen Augen. Ich kniete wieder in dem alten, verfallenen Kirchhof vor dem verwitterten Stein, der die – wie ich nun wußte – wahre Geschichte dieses Brautpaares auf seine ganz besondere Art und Weise zu erzählen schien…

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