Die Lichter am Strand

Nach Chris de Burghs „Heart of Darkness“

Ich erinnere mich noch genau. Während ich hier sitze und dies niederschreibe, sehe ich die Bilder vor meinem Auge, als ob ich das Schreckliche – aber doch gleichsam Wunderbare – das mir widerfahren ist, noch einmal erleben würde. Dem dem Wunderbaren weniger zugeneigte Leser wird dies alles wie ein Märchen oder gar wie die Idee eines Wahnsinnigen vorkommen, doch ich versichere, daß es genau so geschehen ist.

Zum ersten Mal sah ich es vor langer Zeit als Junge von noch nicht einmal fünf Jahren. Ich lebte zu diesem Zeitpunkt an der Südküste Irlands. Wir hatten ein Haus direkt am Meer. Mein Vater hatte es sich hart erarbeiten müssen. Er war Schmied, und wir lebten nicht gerade in üppigen Verhältnissen. Dennoch war meine Kindheit sehr glücklich. Die Gegend, in der wir wohnten, lud zu phantasievollem Spiel geradezu ein. Der Strand war in der Nähe. Dort gab es weichen Sandstrand, aber auch schroffe Felsen, in denen sich sogar die ein oder andere Höhle verbarg. Für einen abenteuerlustigen Jungen wie mich war dies genau der richtige Ort. Viele Nachmittage verbrachte ich mit meinen Freunden am Strand. Wir ließen uns oft die unglaublichsten Spiele einfallen. Am häufigsten spielten wir Schatzsucher. Wir taten so, als ob ein Schiff am Strand aufgelaufen wäre und wir die Gelegenheit wahrnähmen, es auszuplündern. Wir wünschten uns alle sehnlichst, so etwas einmal wirklich tun zu dürfen. Aber natürlich war uns klar, daß dies ein Traum bleiben würde. So spielten wir nur dieses Spiel, immer und immer wieder. Es schien mir zeitweilig, als ob es uns magisch anziehen würde. Wir hatten keine Lust mehr, irgend etwas anderes zu spielen. Dies schien auch ein alter Mann zu bemerken, der uns wohl bei unserem Spiel ein paar mal von fern beobachtete. Wir interessierten uns für diesen Mann und fragten uns, ob er nicht vielleicht mitspielen wollte. So entschlossen wir eines Tages, ihn anzusprechen. Doch als wir uns näherten, war er plötzlich verschwunden. Er muß wohl unser Vorhaben erkannt und die Flucht ergriffen haben. Wir dachten uns nicht viel dabei und spielten weiter. Jeden Abend fiel ich müde in mein Bett, nachdem ich vom Spielen nach Hause gekommen war.

Ich konnte jedoch eines nachts nicht einschlafen und erhob mich leise aus meinem Bett, damit niemand im Haus etwas merken konnte. Ich schlich zum Fenster. Um diese Jahreszeit, es war im Herbst, war der Sternenhimmel besonders interessant. Ich wollte mir die Zeit mit Sternguckerei vertreiben und hoffte, daß dann bald die Müdigkeit von mir Besitz ergreifen würde. Aber wie enttäuscht war ich, als ich gen Himmel schaute und keinen einzigen Stern erblicken konnte. Dicke Wolken hatten sie verdeckt, und kein Strahl vermochte diese Wand zu durchbrechen. Ich wollte mich schon wieder in mein Bett begeben, als etwas anderes meine Aufmerksamkeit erregte. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen und vermochte auch nicht zu sagen, worum es sich handelte. Am nahen Strand, den ich von meinem Zimmer aus erblicken konnte, meinte ich, von Zeit zu Zeit kleine Lichter aufleuchten zu sehen. Zuerst dachte ich, daß ich nun doch müde geworden sei und meine Augen mich täuschten. Aber auch durch größere Anstrengung der Augen konnte ich diese Lichter nicht zum Verschwinden bringen. Am Strand leuchtete etwas. Undeutlich und wie aus großer Entfernung vermeinte ich in diesem Moment, Schreie zu hören. Doch dies war eine so vage Wahrnehmung, daß sie mir alsbald wie ein Trugbild vorkam. Ich legte mich, nachdem ich diese geheimnisvollen Lichter eine Weile lang beobachtet hatte, wieder zu Bett und fiel auch sogleich in einen traumlosen aber unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen erzählte ich meiner Mutter von meinen Beobachtungen. Sie jedoch versuchte, mich zu beruhigen. Ich sollte mir nichts dabei denken. Ich hätte wahrscheinlich geträumt. Doch in ihrem Gesicht meinte ich in diesem Moment eine Unruhe zu bemerken, wie ich sie bisher nur gesehen hatte, wenn meine Mutter von großer Angst ergriffen wurde. Doch ihre Erklärung, ich hätte nur geträumt, schien mir schon damals plausibler als alles andere. So vergaß ich die Lichter recht schnell, und einige Jahre vergingen, ohne daß sie mir weiter aufgefallen wären.

Ungefähr 17 Jahre später, ich war inzwischen zu einem jungen Mann herangewachsen, geschah es. Ich war eines abends im Spätsommer noch recht spät unterwegs, da ich mit einigen Freunden im Dorfpub gezecht hatte. Wir waren auf dem Weg nach Hause, und da ich recht müde war, beschloß ich, eine Abkürzung über den Strand zu nehmen. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden und ging los. Es war gegen elf Uhr abends, als ich über harte Felsen hinab zum Strand lief. An dieser Stelle hatten wir als Kinder immer gespielt. Des Nachts wirkte sie viel unwirklicher und furchteinflößender als am Tage. Eine frische Brise wehte mir um den Kopf, und das Heulen des Windes lies mich erschaudern. Ich lief jedoch ohne zu Zögern weiter, unendlich müde und darauf erpicht, endlich in mein Bett zu kommen. Doch plötzlich stockte mir der Atem und ich stand auf der Stelle still. Durch das Heulen des Windes meinte ich eine entfernte Stimme zu hören, die so etwas rief wie „Helft mir!“. Zunächst dachte ich an eine Sinnestäuschung, doch auch als ich genauer hinhörte, vernahm ich wiederum die Stimme, die klagend mir zurief „Helft mir!“. Ich dachte, daß vielleicht einer meiner Freunde sich ebenfalls entschlossen hatte, diese Abkürzung zu nehmen und dabei ins Wasser gefallen sein könnte. Wir hatten alle recht viel getrunken, so daß ich damit rechnete, daß jemand in diesem Zustand kaum in der Lage sein konnte zu schwimmen. Kaum hatte mich dieser Gedanke erfaßt, lief ich auch schon in die Richtung, aus der ich die Stimme zu vernehmen meinte. Und da sah ich sie wieder! Ich sah die Lichter, die ich auch an jenem Herbstabend vor 17 Jahren von meinem Zimmerfenster aus gesehen hatte. Diesmal jedoch waren sie viel näher. Sie tanzten wild umher, und diesmal war es, als würde ich unendlich viele Stimmen hören, die mir ein verzweifeltes „Helft mir!“ zuriefen. Ich schritt vorsichtig weiter voran und wurde immer mehr in den Bann dieser Lichter gezogen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, zu schweben, und kurze Zeit später meinte ich, durch einen dunklen Tunnel zu rasen. Am Ende dieses Tunnels erschien ein unendlich helles Licht. Erstaunlicherweise verspürte ich keinerlei Angst, als ich dieses Licht erblickte. Es übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus, als ich weiter darauf zuflog. Mit einem mal begann in unglaublicher Geschwindigkeit ein Film vor meinen Augen ablaufen. Nach kurzer Zeit erkannte ich Episoden aus meinem bisherigen Leben in den Szenen. Banale und mir wichtig erscheinende Dinge fügten sich wie in einem großen Mauerwerk zusammen und ergaben auf einmal einen umfassenden Sinn. Und das erstaunlichste war: Ich verspürte alles, was ich anderen jemals zugefügt hatte, sei es Leid, sei es Freude gewesen, am eigenen Leibe. Die Enttäuschung meiner Mutter, nachdem ich beim Stehlen erwischt worden war, aber auch ihre Freude, die sie verspürte, als ich ihr zu ihrem Geburtstag ein selbstgemaltes Bild schenkte, ihren Stolz, als ich die Schule erfolgreich abgeschlossen hatte und noch viele andere Dinge mehr, bis hin zu dem Augenblick, an dem ich dort an der Küste stand und diese wundersamen Lichter sah. Ich fühlte mich sehr ruhig und hatte das Gefühl, das Leben nun besser zu verstehen. Dennoch fragte ich mich weiterhin, wo ich hier war. War dies die andere Welt, das Jenseits? Plötzlich erschrak ich, als ich eine Gestalt neben mir zu erblicken meinte. Ich wandte mich ihr zu und erkannte in der Gestalt meine vor wenigen Jahren verstorbene Großmutter. Sie lächelte mich liebevoll an und begann zu sprechen.

„Du mußt zurück, mein Junge. Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“

Sie gab mir eine leuchtend weiße Blüte zum Abschied und lächelte. Mir war nun klar, daß dies in der Tat das Jenseits sein mußte. Nicht klar war mir jedoch, wie ich hierher gekommen war. Hatten die Lichter dies bewirkt? Noch ehe ich darüber nachdenken oder gar diese Frage an Großmutter richten konnte, verspürte ich einen starken Sog und wurde wieder durch den Tunnel gerissen, durch den ich hierher gekommen war, diesmal jedoch hinab.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen war, aber als ich erwachte, war es bereits hell. Ich lag am Strand und mich fror. So schnell wie es mir in meinem Zustand möglich war, stand ich auf und eilte nach Hause. Dort schliefen noch alle, und niemand hatte offensichtlich mein Wegbleiben über Nacht bemerkt. Den ganzen Weg über fragte ich mich, was passiert war. Hatte ich diese Lichter wirklich gesehen? Und Großmutter? War sie mir wirklich vor diesem hellen Licht erschienen? Ich konnte dies alles nicht so recht glauben und beschloß daher, das Erlebte kurzerhand auf meinen doch recht angetrunkenen Zustand zu schieben und zum Traum zu erklären. Die Unsicherheit wich bald der Müdigkeit, und als ich zu Hause angekommen war, fiel ich in mein Bett und schlief augenblicklich ein. Ich erwachte erst spät am Nachmittag. Als ich in die Küche kam, wunderte sich alles über mein spätes Aufstehen, und ich begann deshalb, meine Geschichte zu erzählen, darum bemüht, dies alles als Traum darzustellen. Doch Mutter, die mir aufmerksam zuhörte, wurde mit jedem Wort aus meinem Munde bleicher und bleicher. Nachdem ich geendet hatte, stand sie wortlos auf und gab mir ein Buch über Legenden aus der Gegend, das sie ungefähr in der Mitte aufgeschlagen hatte. Ich sah sie kurz an, und da ich das Gefühl hatte, daß es ihr wichtig war, las ich:

„Die Geister von Maughan

In dem kleinen Fischerdorf Maughan an der Südküste Irlands geht die Legende um, daß dort am Strand seit Jahrhunderten die Geister ertrunkener Seeleute umherirren. Im Winter 1422 lief dort ein Frachtschiff auf die Klippen, das prächtige Tücher aus Frankreich geladen hatte. Alle Seeleute ertranken, denn niemand aus Maughan war bereit, ihnen zu helfen. Von schrecklichen Hilfeschreien, die in dieser Nacht zu hören waren, berichtet der Chronist McAllister in seinem Werk „Die Geschichte von Maughan“ aus dem Jahre 1427. Am nächsten Tage plünderten die Bewohner das Wrack, wie McAllister schreibt. Seit diesem Zeitpunkt gab es von Zeit zu Zeit immer wieder Berichte von Dorfbewohnern, die des Nachts am Strand seltsame Lichter, Irrlichtern nicht unähnlich, gesehen und Hilfeschreie gehört haben wollen. Im Jahre 1634 machte sich angeblich der junge Dorfbewohner Chris Tompson zum Strand auf, um das Phänomen zu untersuchen. Er kam nie wieder, seine Leiche wurde drei Wochen später in einer der Höhlen am Strand gefunden, die Augen weit aufgerissen, das Gesicht vom Schreck verzerrt. Auch in den folgenden Jahrhunderten verschwanden immer wieder auf seltsame Weise junge Männer, die die Lichter von Maughan untersuchen wollten. Nur wenige kamen lebendig wieder zurück, und diese waren danach dem Wahne nah, sie sprachen allesamt immer wieder nur davon, daß sie den Tod gesehen hätten. Heute wird vermutet, daß es sich bei den Erlebnissen um massive Vergiftungserscheinungen handelte, vermutlich verursacht durch austretende Faulgase aus den Höhlen am Strand, die sehr viele Algen beherbergen.“

Ich schlug das Buch zu. Hunderte von Gedanken schossen mir durch den Kopf. Hatte ich dies wirklich alles nur geträumt? Waren dies alles nur Halluzinationen? Ich grübelte noch lange darüber nach und während ich eine prächtige weiße Blume, die ich in vom Strand mitgebracht haben mußte und die ich immer noch in meiner Hand hielt, zu den anderen in die Vase stellte, beruhigte ich mich wieder, denn die Erklärung mit den Halluzinationen kam mir einleuchtend vor. Andererseits war ich auch traurig, daß die Begegnung mit Großmutter nicht wirklich gewesen war. Ich seufzte tief und fragte mich, ob ich sie jemals wiedersehen würde. Und auch wenn es nur ein Trugbild gewesen sein sollte, ich werde diese vielleicht letzte Begegnung mit ihr niemals vergessen…

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